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Mehr Gesetze zu Nachhaltigkeit & Unternehmensverantwortung – Papiertiger oder Chance?

Pascal Weith-Höinghaus
Pascal Weith-Höinghaus
Gesetze zu Nachhaltigkeit

Längst gibt es internationale und staatliche Abkommen und Strategien, die sicherstellen, dass wir unsere Lebensgrundlage durch ein “weiter so” nicht demolieren. Dazu zählen u. a. die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, das Pariser Klimaschutzabkommen und die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Doch wer setzt sie um?

 

Die Politik kann und wird diese schwierige Aufgabe nicht alleine lösen. Nachhaltigkeit und Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility, kurz CSR) müssen mehr Einzug in Unternehmen finden, um den notwendigen Wandel zu schaffen. Neben Kundenerwartungen und Anreizen (z. B. Förderungen) bewegen immer mehr Gesetze zu Nachhaltigkeit und einem nachhaltigen Wirtschaften.

 

Doch inwiefern betrifft das dich als Unternehmer*in? Wir haben die wesentlichen Gesetze mit Fokus auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in möglichst nicht-juristischer Sprache zusammengefasst.

Worum geht es? Unter­neh­men sind seit 2017 nach dem CSR-RUG der Bundesregierung dazu ver­pflich­tet, ihre Nach­hal­tig­keitsleistung zu messen, zu verbessern und zu dokumentieren. Mit der CSR-Berichts­pflicht legen Unter­neh­men in Form eines Nachhaltigkeitsberichts oder einer nicht-finanziellen Erklärung offen, welche Ziele, Strategien und Maßnahmen sie zur Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung planen und durchführen.

Wer ist betroffen? Kapi­tal­markt­ori­en­tierte Unter­neh­men mit mehr als 500 Mitarbeiter*innen, Umsatz­er­löse/Bilanzsumme mehr als 40/20 Mil­lio­nen Euro sowie größenunabhängig Banken und Versicherungen. Zudem sind kleine und mittlere Unternehmen indirekt betroffen, da sie z. B. als Zulieferer die Anforderungen berichtspflichtiger Unternehmen erfüllen müssen.

Wir empfehlen auch Unternehmen unterhalb der aktuell geltenden Schwelle, freiwillig Bericht zu erstatten: Wichtige Anspruchsgruppen (Kunden, Lieferanten, Kreditinstitute) können hiermit glaubhafte und transparente Informationen einholen. Besonders für nicht berichtspflichtige Unternehmen ist ein Nachhaltigkeitsbericht nach

DNK-Standard relativ aufwandsarm. Zudem prüft der Rat für nachhaltige Entwicklung den Bericht kostenfrei und gibt hilfreiches Feedback.

Was passiert sonst? Kom­men Unter­neh­men ihrer Berichts­pflicht nicht nach, dro­hen Buß­gel­der bis 10 Mil­lio­nen Euro. Ein proaktiv kommunizierter Nachhaltigkeitsbericht kann zudem einem möglichen Reputationsverlust vorbeugen. Berücksichtigt ein indirekt betroffenes Unternehmen unterhalb der Schwelle als Zulieferer die Anforderungen des berichtspflichtigen Unternehmens nicht, könnte die Zusammenarbeit sogar beendet werden.

Wie geht es weiter? In den kommenden Jahren werden deutlich mehr Unternehmen der Berichtspflicht unterliegen. Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verschärft auf EU-Ebene sämtliche Anforderungen und soll 2023 in deutsches Recht umgesetzt werden.

Ab 2024 werden voraussichtlich alle Unternehmen ab 250 Mitarbeitenden und mehr als 20 Mio. € Bilanzsumme bzw. 40 Mio. € Umsatz unabhängig von ihrer Kapitalmarktorientierung berichtspflichtig. Möglicherweise werden sogar Unternehmen ab 10 Mitarbeitenden und 350.000 € Bilanzsumme bzw. 700.000 € Nettoumsatz berichtspflichtig. Der CSR-Audit muss zudem in Zukunft extern erfolgen.

Worum geht es? Immer wieder werden Fälle bekannt, bei denen in Lieferketten deutscher Unternehmen Menschenrechtsverstöße wie etwa Kinderarbeit vorkommen. Basierend auf dem Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung und nach langen, intensiven Diskussionen hat der Bundestag das Lieferkettengesetz verabschiedet, welches deutlich mehr Verantwortung auf Unternehmen überträgt, Menschenrechte entlang der Lieferkette einzuhalten. Das kommende Gesetz definiert konkrete Anforderungen an die Sorgfaltspflichten deutscher Unternehmen.

 

Wer ist betroffen? Ab 2023 in Deutschland ansässige Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten. Auch hier wird es einen Gießkannen-Effekt auf KMU geben: Auch nicht-berichtspflichtige KMU müssen als Teil der Lieferkette Anforderungen nachkommen. Konkret bedeutet das, dass sie sich selber mit ihrer Sorgfaltspflicht auseinandersetzen müssen, um diese bei Bedarf nachweisen zu können.

 

Was passiert sonst? Durch die erhöhte Verantwortung steigen Reputationsrisiko und Haftbarkeit direkt betroffener Akteure deutlich. Bußgelder können bis 8 Millionen Euro oder bis 2% des weltweiten Jahresumsatzes betragen. Zudem werden öffentliche Aufträge im Fall eines Verstoßes u. U. nicht weiter vergeben. Indirekt betroffene Zulieferer können wirtschaftlich gefährdet sein, wenn sie den Anforderungen der Lieferkette nicht entsprechen. Wir empfehlen Unternehmen unterhalb der Schwelle, die komplexe Lieferketten haben, bereits jetzt damit anzufangen.

 

Wie geht es weiter? Zunächst muss das Gesetz in Kraft treten, ab 2024 wird es bereits bei >1.000 Beschäftigten gelten. Wir gehen davon aus, dass der Erwartungsdruck von Anspruchsgruppen zu nachvollziehbaren und fairen Lieferketten weiter steigen wird. Offen bleibt, wie haftbar Akteure in Zukunft bei Verstößen gemacht werden.

Worum geht es? Aktuell ist der Spielraum für Greenwashing besonders bei Finanzprodukten sehr groß. Die EU-Taxonomie löst dieses Problem, indem Produkte und Dienstleistungen ab 2022 bestimmte Kriterien erfüllen müssen, um als “nachhaltig” zu gelten, indem sie ein erklärtes Umweltziel unterstützen (z. B. Klimaschutz, siehe Katalog) und keinem übrigen Ziel schaden. In Form einer nichtfinanziellen Erklärung muss das betroffene Unternehmen die Auswirkungen auf Umwelt- und Sozialbelange darlegen.

 

Wer ist betroffen? Banken sowie kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten. Klingt erstmal nicht relevant? Sobald das Gesetz in Kraft tritt, wird transparenter, wie nachhaltig Institutionen (z. B. Banken) oder Investitionen eigentlich sind. Besonders KMU sowie Privatpersonen üben mit ihren Einlagen einen erheblichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung aus – weshalb die Taxonomie hier Klarheit schafft. Was würdest du eher unterstützen – Braunkohleabbau oder erneuerbare Energien?

Worum geht es? CO2-Emissionen aus verbrannten fossilen Materialen stellen den größten Treiber des Klimawandels dar. Der Umstieg auf nachhaltige Alternativen muss schneller vorangehen, um die Pariser Klimaziele noch zu erreichen. Das BEHG setzt einen Anreiz, von fossilen Brennstoffen wegzukommen, indem diese nach CO2-Tonnen besteuert werden. Aktuell liegt der CO2-Preis bei 25 Euro/Tonne. 

 

Wer ist betroffen? In erster Linie betrifft dies die Mobilitäts- und Wärme-Branche, die mit fossilen Brennstoffen handelt. Das wirkt sich auf Benzin-, Diesel-, Heizöl- und Erdgas-Preise aus und damit auf alle Verbraucher*innen. Somit wird Energieeffizienz, -beschaffung und Mobilität (z. B. Fuhrpark) auch in jedem noch so kleinen Unternehmen zu einer immer dringlicheren Frage, denn fossile Brennstoffe zu verbrennen wird immer unattraktiver!

 

Wie geht es weiter? Bis 2025 wird der CO2 Preis auf 55 Euro steigen, anschließend durch ein Versteigerungssystem noch weiter. Gleichzeitig belohnen Förderungen ein klimaschonendes Verhalten. Offen ist noch, ob oder wann sich der CO2-Preis auf weitere Sektoren ausweiten wird. In jedem Fall ist also bereits heute lohnenswert, sich mit dem eigenen CO2-Fußabdruck auseinanderzusetzen. Einerseits führt die CO2-Optimierung zu erheblichen Kosteneinsparungen, andererseits trägt Klimaneutralität positiv zum Image bei – und die Umwelt profitiert!

Es gibt noch viele branchenspezifische Gesetze und Verordnungen, wie etwa die EU-Batterieverordnung, die eine nachhaltige Wende jeweils weiter voranbringen. Doch nun zum Fazit:

 

Zahnloser Papiertiger oder Chance?

 

Was macht die neue Gesetzgebung mit den kleinen und mittleren Unternehmen? Welche Vorbildwirkung üben große Unternehmen aus, die von den Gesetzen direkt betroffen sind? Welchen Impact haben die Gesetze nun wirklich auf eine nachhaltige Wende? Die Antworten wären wohl eher Inhalt einer Doktorarbeit, doch eins ist sicher – aus unserer Sicht ist die Gesetzgebung zur Nachhaltigkeit eine klare Chance!

 

Eben durch jene Gesetze beschäftigen sich immer mehr Unternehmen mit ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung und verankern diese in ihrem Kerngeschäft. Diese nachhaltige Transformation wird der überlebensentscheidende Prozess jedes Unternehmens in diesem Jahrhundert sein! 

 

In Anbetracht steigender Anforderungen und eines zunehmenden Klimawandels ist kalkulierbar, dass Unternehmen zukünftig noch mehr Verantwortung tragen werden und ihre Geschäftsmodelle an den jeweils aktuellen Herausforderungen ausrichten werden, anstatt umgekehrt (Outside-In-Perspektive). Damit wird substanzielle Nachhaltigkeit gefordert, die deutlich über Bäume, Bienen und Obstkörbe hinausgeht.

 

Daher kann die Gesetzgebung entweder ein “Weckruf” sein, mehr zu tun – oder eine Chance, sich durch besonders gute Leistung als “Good Corporate Citizen” abzuheben – und somit das Vertrauen der Anspruchsgruppen und ökonomischen Erfolg zu sichern.

 

Neben Gesetzen erleichtern Förderungen die nachhaltige Wende. Willst du wissen, wie Förderungen dir deinen Umstieg erleichtern und dich unterstützen können? Hierzu wird es in Kürze einen Artikel geben. Bis zum nächsten Mal!

Planst du weitere Schritte zu Nachhaltigkeit und Digitalisierung?
Lasse dich von uns bei einer kostenlosen Erstberatung informieren!
Von Westfalen Pascal Weith-Höinghaus
Pascal Weith-Höinghaus
Nachhaltigkeit & Digitalisierung

Tel: 030 40 72 74 72
Mail: pascal@vonwestfalen.de

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